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  3. Kommentar: Schlankheitswahn - Fortschritt oder Rückschritt?

Der Trend hin zu immer dünneren Smartphones und Tablets dauert an.Bildquelle: Oppo
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Der richtige Schritt: Ist der Weg hin zu immer dünneren Smartphones und Tablets wirklich das was wir wollen?

Der Fortschritt bei Smartphones und Tablets ist auch weiterhin als groß einzustufen. Wird die Technik doch immer schneller, kleiner, energieeffizienter und beeindruckender. Inzwischen erwarten uns Smartphones mit 64-Bit Prozessor und Betriebssystem, immer mehr Arbeitsspeicher und besseren Kameras. Prozessoren haben nicht mehr einen oder zwei Kerne, nein gleich vier, sechs oder acht Kerne. Im Desktop-Bereich bei klassischen PCs und Macs gibt es 64-Bit Systeme schon lange, auch beim Arbeitsspeicher gab es keine größeren Sprünge mehr und Prozessoren mit vier Kernen sind seit Jahren Standard. Dennoch wird die Hardware hier zumindest zum Teil ausgereizt und wirklich benötigt. Spiele sehen oftmals immer realistischer aus, verlangen neue Grafikkarten oder schnellere Prozessoren. Videobearbeitung, Live Streaming, Let’s Plays, Kameras, Mikrofone und schnelle Verbindungen, sowie viel Arbeitsspeicher und große und schnelle Festplatten sind gefordert in der Branche.

Dünner gleich besser?

Doch warum entwickelt sich die Technik scheinbar bei Smartphones und Tablets noch schneller weiter? Die wenigsten Nutzer und Apps werden überhaupt 4 GB RAM im Ansatz ausnutzen bzw. davon überhaupt wirklich profitieren. Apps auf Smartphones und Tablets sind oftmals gar nicht auf diese Hardware ausgelegt worden. Unterwegs will man oftmals eben auch nur eher kleine Änderungen an Dokumenten oder Videos vornehmen oder auf die schnelle etwas mobil erledigen.

Der andere Trend führt uns hin zu immer dünneren Smartphones und Tablets. Man hört immer wieder Horrorgeschichten darüber wie leicht sich doch Smartphone A oder B verbiegen lässt. Kameras und Kopfhöreranschlüsse sind inzwischen zu dick um im Gehäuse unterzukommen. Die einen lassen die Kamera einfach unschön aus dem Gehäuse herausstehen, andere bieten externe Selfie Blitze zum Anstecken an oder lassen bisherige Anschlüsse oder Tasten am Gehäuserand einfach ganz weg. Doch ist es das wirklich wert? Darunter leiden oftmals die Stabilität und die Akkulaufzeit. Seien wir doch mal ehrlich, ob ein Smartphone nun 4,5, 5 oder 6 mm breit ist, wen interessiert das? Ebenso ob das Handy nun 10 oder 30 Gramm mehr wiegt. Wir reden hier nicht mehr über Funkgerät dicke Geräte oder fast 1 kg schwere Tablets.

Sollten die Entwickler von Prozessoren und Smartphones und mobilen Betriebssystem nicht lieber noch enger mit Software Entwicklern zusammenarbeiten? Schließlich macht es im Alltag kaum einen Unterschied ob das eigene Gerät mit einem Snapdragon 800, 801 oder 805 läuft. Ergebnisse in Benchmarks hin oder her, denn die aktuellen Spiele laufen flüssig, Apps ebenso und auch der Rest läuft einwandfrei. Wer braucht da statt 2 GB nun 4 GB RAM oder einen Prozessor mit noch mehr Kernen? Wäre es nicht besser, wenn die Software erst einmal aufschließen kann? Wäre es nicht schön, wenn es Spiele oder Apps gebe, die mein neues Gerät auch halbwegs ausreizen könnten? Schließlich rüstet man einen PC auch deswegen auf oder kauft sich eine neue Konsole. Die wenigsten dürften sich dafür interessieren, ob das eigene System in Benchmark x vielleicht 200 Punkte besser abschneidet als das Vorjahresmodell.

Am Ende der Fahnenstange angelangt oder nur der falsche Weg?
Das Geschäft mit Smartphones und Tablets boomt weiterhin. Kein Wunder also, dass unzählige Hersteller auf der Welt ebenso unzählig viele verschiedene Modelle auf den Markt werfen und das in immer kürzeren Abständen. Die wenigsten Unternehmen bringen nur noch im Jahresrhythmus neue Modelle heraus. Es ist keine Seltenheit das ein Flaggschiff inzwischen innerhalb von 6 Monaten oder sogar noch weniger bereits wieder abgelöst wird.

Dabei ähneln sich die Modelle nicht nur optisch frappierend, sondern auch was die Features und verbaute Technik betrifft. Die meisten von uns nutzen ihr Smartphone für alltägliche Apps und Aufgaben. Aber für Whats App und andere Messenger, Mails, Social Media und Casual Free-to-Play Spiele benötigt man weder 4 GB RAM noch einen Hexa-Core- oder geschweige denn einen Octa-Core-Prozessor. Wer professionelle Fotos und Videos braucht, der kann nicht auf eine Handy Kamera zurückgreifen, für die meisten Schnappschüsse und Clips die anschließend komprimiert bei Facebook, Instagram, Vine und Co. landen reichen die Smartphone Kameras der letzten Jahre meistens völlig aus.

Die wenigsten Applikationen können die immer höhere Leistung der Hardware überhaupt ausreizen. Am Ende will man als App Entwickler nämlich eine möglichst hohe Installationsbasis erreichen. Was bringt es da, wenn man die App auf einen Qualcomm Snapdragon 805 auslegt oder einen Apple A8X? Klar, einige wenige Spiele bieten mal zusätzliche Effekte oder kürzere Ladezeiten, aber das alleine ist kein Grund für den Umstieg. Entwickler können auf der anderen Seite auch keine Teams von ein paar hundert Mitarbeitern über Jahre an ein Mobile Game setzen. Dies könnte am Ende noch so gut sein, würde aber für einen typischen Verkaufspreis eines klassischen PC- oder Konsolenspiels niemals die gleichen Verkaufszahlen erzielen können. Die Zielgruppe ist eine andere, der Trend liegt seit langer Zeit klar auf kurzen Spielesessions und dem Free-to-Play Konzept.

Auf dem Datenblatt oder der Werbeseite machen sich aber Sprüche wie das erste Smartphone mit 4 GB RAM, ein 64-Bit Prozessor oder eben auch das dünnste Smartphone der Welt entsprechend gut. Schließlich kann man ja schlecht sagen „Hey, eigentlich braucht ihr gar keine 4 GB RAM oder ein 2 mm dünneres Smartphone." Sollte deswegen die Weiterentwicklung einfach eingestellt werden? Nein, aber an irgendeinem Punkt wird es nicht mehr ausreichen nur die Anzahl der Kerne, den Arbeitsspeicher oder die Megapixel-Anzahl zu erhöhen oder das Gerät immer dünner zu gestalten.

Die meisten von uns dürften wohl mit größter Freude ein etwas dickeres Smartphone oder Tablet kaufen, wenn dafür der Akku endlich wieder länger durchhalten würde. Sonst werden wir demnächst vielleicht ein Bundle beim Handykauf angeboten bekommen, bei dem es gleich eine Steckdosenleiste und Akkupacks dazu gibt. Spätestens dann, wenn wir daheim an jedem Abend nicht nur das Smartphone aufladen müssen, sondern auch Tablet, Smartwatch, Notebook und sonstige Gimmicks.

Wo geht der Trend hin?

Die CES 2015 hat uns in dieser Hinsicht auch keinen neuen Weg aufgezeigt. Es gab das erste offizielle Smartphone mit 4 GB Arbeitsspeicher, ein weiteres Modell von LG mit gebogenem Display bzw. Gehäuse. Der nächste stellt Selfie Smartphones und einen externen Selfie Blitz vor und wieder andere wollen mit immer höheren Auflösungen auf sich aufmerksam machen. Höhere Auflösungen, noch mehr Rechenkerne und mehr RAM und dünnere Gehäuse bedeuten aber in der Regel nur wieder noch kürzere Akkulaufzeiten. Mit vielen Smartphones kommt man schon jetzt nicht mehr durch einen langen Arbeitstag ohne Zusatzakku, da bringen einem dann auch doppelt so viele Rechenkerne oder mehr Arbeitsspeicher nichts.

Fortschritt Allgemein ist wichtig und auch das Ausloten von neuen Ideen, wie es etwa LG und Samsung mit dem G Flex 2 bzw. Galaxy Note Edge vorgemacht haben sind lobenswert. Den Weg hin zu immer dünneren Geräten und immer weiter stumpfen Erhöhungen von Taktraten, der Anzahl der Kerne oder dem RAM sind hingegen aus meiner Sicht der Falsche. Auch deshalb bin ich von keiner Smartwatch bisher überzeugt. Einerseits sind die Uhren ohne verbundenes Smartphone fast komplett nutzlos, saugen dabei aber nicht nur die eigene Batterie, sondern auch die des gekoppelten Geräts schneller leer. Der Nutzen der kleinen Uhren hält sich in Grenzen, die Bedienkonzepte sind im Grunde immer noch Konzepte und keine ausgereiften Systeme. Wen wundert es da, dass sich Oberfläche, Form und Aufbau alle paar Monate bei praktisch allen Herstellern ändern? Viele Hersteller bieten obendrein Smartwatches mit verschiedenen Betriebssystemen an. Nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass man selbst an ein bestimmtes System oder Konzept glaubt. Dann ist da noch einer der schlimmsten Aspekte, die wirklich katastrophale Akkulaufzeit aller Modelle, abgerundet mit oftmals zusätzlichen umständen Ladestationen. Ich will auf beruflichen Reisen oder privaten Ausflügen nicht auch noch stets eine Plastikschale, die so klein ist das man sie ständig aus den Augen verlieren kann, mit mir tragen müssen oder auch extra Ladestationen. Eine Uhr sollte zumindest 3 Tage oder 5 Tage funktionieren, ansonsten ist das Konzept für mich weiterhin nicht ausgereift.

Man sollte sich aber trotz dieser Aspekte nicht stur gegen Fortschritte stellen. Schließlich freuen wir uns alle über die Vorstellung neuer Konzepte, Smartphones, Tablets, Prozessoren und technischer Spielereien. Früher oder später wird die Branche aber einen anderen Ansatz finden müssen, weg von schneller, dünner und leichter. Hin zu wirklich durchdachten Bedienkonzepten, längeren Akkulaufzeiten und echten Innovationen die dem Kunden etwas bringen und nicht nur schöne Buzz Words auf Messen und in der Werbung darstellen.

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